Stadtgeschichte Lublins
Die Siedlungsvorläufer der alten und an bedeutenden historischen Ereignissen reichen Stadt entwickelten sich im 6. Jahrhundert auf der Anhöhe Czwartek, etwas später auch auf dem Burghügel. Der Überlieferung nach entstand im 11. Jahrhundert auf Veranlassung von König Boleslaw I. Chrobry (966-1025) die erste Burganlage an der Stelle des heutigen Schlosses. In den schriftlichen Quellen taucht das frühe Lublin erstmalig an der Jahrhundertwende zwischen 11. und 12. Jahrhundert auf. Im Jahre 1317 verlieh der polnische König Wladyslaw I. Lokietek (1260-1333) der am Flüßchen Bystryca gelegenen Stadt die Stadtrechte. 1341 entstand unter Kazimierz III. Wieiki (1310-1370) schließlich die Lubliner Stadtmauer, deren eindrucksvollstes Relikt, das Krakauer Tor, noch heute ein Wahrzeichen der Stadt Lublin ist. Damit begann die eigentliche, wechselvolle Geschichte der Stadt.

Eine erste große Blütezeit erlebte die 5tadt unter den Jagiellonen (1386-1434). Im Jahre 1474 wurde, das an einer wichtigen Verkehrsverbindung zwischen Krakau und dem litauischen Wilna gelegene Lublin, Hauptstadt einer neuen, von Kazimierz IV. Jagiellonczyk (1427-1492) gegründeten Woiwodschaft. Bedeutend für die polnische Geschichte wurde Lublin im Jahre 1569, als während des Lubliner Landtages unter König Zygmunt II. August die Personalunion zwischen Polen und Litauen, die sog. Lubliner Union vereinbart wurde. König Stefan Bathory begründete schließlich im Jahre 1578 das Lubliner Krontribunal, das höchste Adelsappellationsgericht der polnischen Provinz Malopolska.

Im 17. und 18. Jahrhundert kam es zu einer Stagnation der städtischen Entwicklung Lublins. Besonders verstärkt wurde dieser Effekt vor allem durch die Kriege gegen die Schweden und die häufigen Kosakeneinfälle jener Jahre, die in der Stadt auch zu einigen Zerstörungen führten. Zu einem gewissen Aufschwung kam es erst in Folge der Teilungen Polens, die zwar für die polnische Nation als Ganzes deutliche negative Folgen hatte, in Lublin je doch zu einer Bedeutungssteigerung führten. Im sog. Kongreßpolen nach 1815 war Lublin nach Warschau die bedeutendste Stadt und wurde schließlich Sitz einer Provinzialregierung.

Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Lublin zudem ein bedeutendes Zentrum der jüdischen Kultur in Osteuropa. Eindrucksvolle Schilderungen über das Leben im jüdischen Lublin liefern uns der in Warschau aufgewachsene Nobelpreisträger für Literatur Isaak Bershis Singer in seinem Roman "Der Zauberer von Lublin" und der Reisebericht Alfred Döblins. Über 40.000 Menschen lebten zeitweise in dem - unterhalb der Lubliner Burg und durch das Grodzka Tor von der Altstadt getrennten - jüdischen Viertel. Jüdische Einwohner stellten in Lublin ungefähr ein Drittel der Bevölkerung. Die Rabbinische Hochschule hatte einen so bedeutenden Ruf, daß Lublin manchmal auch als das "jüdische Oxford" bezeichnet wurde.

Das traurigste und dunkelste Kapitel in der Geschichte der Stadt Lublin wurde mit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges aufgeschlagen. Es kam zu großen Zerstörungen und Tausende von Menschen wurden durch die Nationalsozialisten umgebracht. Das gesamte jüdische Leben und die jüdische Kultur in Lublin wurden völlig zerstört. Die jüdischen Einwohner kamen in Folge der unmenschlichen Bedingungen im Lubliner Ghetto um oder wurden in dem in der Nähe der Stadt gelegenen Konzentrationslager Majdanek ermordet. Im 1941 errichteten Vernichtungslager Majdanek wurden über 360.000 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet. Heute erinnert an die jüdische Tradition Lublins noch kaum etwas. Das jüdische Viertel mit seinen engen Gassen ist vom Lubliner Stadtplan verschwunden. An seiner Stelle befindet sich jetzt der in den fünfziger Jahren gestaltete Burgplatz, ein großer Parkplatz, umgeben mit einer Reihe, dem Barock nachempfundener Gebäude.

Nach der Befreiung von deutscher Besatzung und Naziterror im Juli 1944 war Lublin eine Zeit lang unter dem Komitee der Nationalen Befreiung polnische Hauptstadt(Juli 1944 - Januar 1945). Ein Umstand, an den sich das neue, demokratische Lublin nicht unbedingt mit Stolz erinnert, da das Komitee nicht nur für die Befreiung Polens, sondern auch für den Beginn der sozialistischen Diktatur unter sowjetischer Hegemonie steht. Das Denkmal des ersten Regierungschefs Bierut hat man folgerichtiger weise schon kurz nach der politischen Wende in Polen demontiert und mit anderen Relikten der sozialistischen Ara in das reizvolle Schloß Kozlowka gebracht. Inzwischen hat man hier ein kleines Museum für politisch- künstlerische Scheußlichkeiten eingerichtet.
Text: Frank Baumann
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